Unser Gegenbesuch in Närpes

Alle mitgereisten Schüler waren noch nie in Finnland gewesen, da es in ihren Augen abseits der bekannten Touristik-Routen liegt. Um so gespannter waren sie auf das Land der tausend Seen und  - so ein gängiges Vorurteil – Aber-Millionen Mücken. So viel vorweg: Das Mückenproblem stellte sich kaum als solches dar.

Nachdem auch der letzte Schüler gerade noch rechtzeitig den Flieger erklommen hatte, konnte das ‘Abenteuer Finnland‘ beginnen. Schon beim Landeanflug auf Tampere konnte man die Seenplatte um diese drittgrößte Stadt Finnlands erkennen. Mit dem Bus-Shuttle ging es weiter zum Bahnhof von Tampere, von wo wir mit dem Pendolino 200 km/h-schnell die Stadt Seinäjoki erreichten. Hier hatten wir drei Stunden Zeit, das vom weltberühmten finnischen Architekten geplante Zentrum der Stadt (ca. 57 000 Einwohner) mit Rathaus, Kirche, Theater, Bibliothek etc. zu besichtigen. Durch einen Film im Architekturunterricht waren unsere Schüler schon ein wenig auf diese Besonderheit vorbereitet.

Gegen 15 Uhr holten uns die Finnen mit einem eigenen Bus von hier ab. Die Begegnung mit den finnischen Partnern war sehr herzlich, kannte man sich doch schon von dem Besuch der Finnen im April dieses Jahres in Bremen. Auf dem Weg ins 110 Kilometer entfernte  Närpes, unserem Ziel, konnten wir nachvollziehen, weshalb dieses Land in finnischer Sprache ‘Suomi‘ heißt, denn es bedeutet soviel wie ‘Flaches Land‘. Gesäumt von schier unendlichen Wäldern, machte es, bis auf wenige Hügel diesem Namen alle Ehre. Närpes selbst liegt in unmittelbarer Nähe des Bottnischen Meerbusens und ist etwa flächenmäßig so groß wie Bremen, bei allerdings nur 12. 000 Einwohnern. So gab es ‘eine Menge Luft um jedes Haus‘ wie die Schüler feststellen konnten, nachdem sie von ihren Gasteltern zu ihren jeweiligen Häusern gebracht worden waren. Die in diesen fünf Tagen erfahrene Gastfreundschaft der Finnen hatte alle Schüler tief beeindruckt.

Am nächsten Tag ging es ins Gymnasium Närpes, Schulbeginn war 8:50 Uhr. Dieser relativ späte Beginn ergibt sich zum einen aus der dunklen Jahreszeit im Winter, zum anderen natürlich auch aus den z.T. sehr langen Anfahrtswegen der Schüler zu ihrer Schule. Der Bustransfer hin und zurück zur Schule ist für jeden Schüler kostenlos. Zu unserer Begrüßung durch den Schulleiter, Herrn Bergkull, wurden alle Schüler der gymnasialen Oberstufe in die Sporthalle gebeten. Da an dieser Schule das Fach Deutsch sehr gut belegt ist, konnten viele finnische Schüler verstehen, als wir sagten, dass wir alle erwartungsfroh den Tagen in Närpes und Umgebung entgegensehen würden. Während die Schüler mit ihren finnischen Partnern in deren Unterrichtsstunden hospitierten, wurde uns Lehrern die sehr weitläufig angelegte Schule gezeigt. Aber auch wir hatten Gelegenheit zu Unterrichtshospitationen, u.a. in den Fächern Kunst und Physik.

Ausführlich wurde uns die neueste Errungenschaft an dieser Schule – das SMART Board – durch den Mathematiklehrer Mikael erläutert, der als Multitalent uns auch noch an weiteren Tagen als Busfahrer durch die Umgebung fuhr. Im weiteren Verlauf konnten wir die Möglichkeiten dieser interactiven ‘Tafel‘  selbst ausprobieren. Wir luden ein Bild von Kandinsky aus dem Internet herunter, speicherten es, und konnten dann mit speziellen Stiften die Kompositionslinien markieren. Unsere  Schüler erlebten den Einsatz dieser SMART Boards direkt im Unterricht und waren hellauf begeistert. Jeder(!) Klassenraum in dieser Schule besitzt diese Ausrüstung!
Aber auch weitere interessante Details fielen unseren Schülern positiv auf. Zunächst einmal die absolut ruhige und entspannte Atmosphäre an dieser Schule, dann die Möglichkeit in einer mittelgroßen Sporthalle direkt im Hauptgebäude in Freistunden Basketball oder Fußball zu spielen, ein großer Raum zum Relaxen, ausgestattet mit Polstermöbeln, keine Tags oder Graffitis an den Wänden, relativ kleine Klassenverbände mit höchstens 22 Schülern, auch abgesehen von den SMART Boards sehr gut ausgestattete Klassenräume. Hinzu kommen noch zwei kostenlose Essen in der Mensa! Alles in allem hatte man den Eindruck, dass hier in Bildung massiv investiert wird, es also kein Zufall ist, dass der Pisa-Sieger immer wieder Finnland heißt, oder wie Jan es ausdrückte: „Wenn man die Bedingungen, unter denen Schüler in Deutschland und Finnland lernen, berücksichtigt, wird Pisa zur Farce!“
Am Nachmittag wurde uns die Stadt Närpes sowie die Nachbarstädte Kristinestad und Kaskö gezeigt. Kaskö ist die kleinste Stadt Finnlands, die sehr schön direkt am Meer liegt. Hier lud uns der Schulleiter zu Saft und Muffins in sein Haus ein. In Kristinestad erhielten wir eine Führung von einer sehr temperamentvollen Dame, die uns in englischer Sprache die Besonderheit dieser vornehmlich aus Holzhäusern bestehenden Stadt erläuterte. Auf den Stufen des dortigen Rathauses machten wir unsere Gruppenaufnahme. Abends aßen wir alle zusammen in Lind‘s Kök, einem in einem Gewächshaus eingerichteten Restaurant, in dem  viele exotische Früchten wuchsen.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Vasa, einer mittelgroßen Stadt direkt am Bottnischen Meerbusen, etwa 90 km von Närpes entfernt. Auf dem Weg dorthin machten wir zunächst Station in einem hochmodernen Gewächshaus, eine Besonderheit von Närpes, denn diese Stadt versorgt mit ihren zahllosen Gewächshäusern ganz Finnland mir Gurken und Tomaten. Damit wir keine Krankheiten mit einschleppten, mussten wir in Einweg-Ganzkörperanzüge schlüpfen. Auf diese Weise als Raumfahrer getarnt, konnten wir die hocheffiziente Anlage besuchen. Die Industrialisierung der Nahrungsmittelherstellung hat auch ihre kuriosen Seiten.
Nach weiteren 70 Kilometern hatten wir Vasa erreicht. Auch diese Stadt war einmal geprägt von vorwiegend aus Holz hergestellten Häusern, die allerdings bei dem großen Brand im Jahre 1852 zum allergrößten Teil zerstört wurden. Danach bekam der schwedische Architekt Carl Axel Setterberg den Auftrag, den Bebauungsplan für die neue Stadt Vasa zu entwerfen, welche auf der Halbinsel Klemetsö errichtet werden sollte. Viele Bauten Seterbergs im typischen Backsteinstil des 19. Jahrhunderts wurden uns von dem deutschstämmigen Führer in Vasa gezeigt. Lehren aus dem Brand von 1852 zog Seterberg auch insofern, als er breite Allen und Esplanaden vorsah, die sich rasterförmig kreuzten. Abgesehen von ihrer Attraktivität hatten die Esplanaden auch die Aufgabe, die Stadtteile von einander zu trennen und bei einem evtl. Brand zu verhindern, dass sich das Feuer weiter auf andere Stadtteile ausbreitet.

Der Höhepunkt sollte jedoch am Wochenende kommen. Am letzen Wochenende im August feiern die Finnen traditionell das Ende der Sommerhaus-Saison, das mit Feuerwerk und gutem Essen fast wie bei uns Sylvester gefeiert wird. In etwa jede finnische Familie besitzt an einem der vielen Seen oder direkt am Meer ein Sommerhäuschen. Unsere Schüler waren alle in das Sommerhaus von Evelina Skrivfvars eingeladen. Dort genossen sie die schöne Landschaft, das hervorragende Essen, die finnische Sauna und das Zusammensein mit ihren finnischen Partnern. Wir Lehrer waren in das Sommerhaus von Göran Sundquist eingeladen, das direkt am Bottnischen Meerbusen liegt, wo die typische Schärenküstenlandschaft die Umgebung prägt, mit vielen aus der Eiszeit stammenden glattgeschliffenen Felsbrocken. Moosteppiche, Birken und Nadelbäume tragen zum typischen finnischen Flair bei, das wir bei absoluter Stille genießen konnten. An diesem herrlichen Fleckchen Erde konnte man sehr gut die Seele baumeln lassen. Aber auch das Essen war hervorragend, wie überhaupt angemerkt werden muss, dass die Gastfreundschaft unserer ‘schwedischen‘ Finnen außergewöhnlich war.

Ach ja, die Mücken... Insgesamt drei von ihnen habe ich in den fünf Tagen gesehen!

Tack så mycket, Finnland!

 

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